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"Echte Wertarbeit hält 25 Jahre" (Frankfurter Rundschau, 07.10.2003)
Dieter Karlstedt setzt als Stuhlflechter auf klassische Knoten / "Kleister-Trick ist nicht gut"
Dieter Karlstedt ist Stuhlflechter. Theoretisches Wissen und praktische Fähigkeiten hat der gelernte Zimmermann sich selbst angeeignet. In seinem Wohnort Westernohe übernahm er eine Werkstatt. Eine weitere Niederlassung öffnete in Kronberg. Von Thomas Plünnecke
Kronberg · 6.Oktober · Dieter Karlstedt sprüht vor Optimismus. "Der Mensch wächst mit seinen Aufgaben", sagt er. "Ich schaue positiv in die Zukunft." Schweigen. Der 46-Jährige spricht nicht übermäßig viel. Lieber lächelt er - und hat zumindest beruflich allen Grund dazu. Seit September betreibt Karlstedt eine Stuhlflechterei in Kronberg. Das Geschäft läuft prächtig. "Ich kann wahrlich nicht jammern." Die Auftragslage ist kein Geheimnis. Mehr als tausend Einträge habe die Kundenkartei, verrät Karlstedt. "Tendenz steigend." Privatleute, aber auch große Fische wie die Hessische Hausstiftung nutzen seine Dienste. Kürzlich meldete sich das Bistum Limburg: Im Dom sind 700 Sitze zu erneuern. Das Erfolgsrezept? "Qualität." Die Antwort kommt spontan. "Jeder zufriedene Kunde bringt mindestens zwei neue Kunden", lautet Karlstedts Philosophie.
Pfusch ist tödlich. "Alte Stühle wachsen ja nicht nach." Die Sünden beginnen bei der Wahl des Materials. "Wie auf dem Automarkt", sagt Karlstedt. "Es gibt Fiat, Volkswagen und Mercedes. Ich verwende nur die S-Klasse." Gemeint sind Flechtstoffe, die vor allem aus der Kletterpalme "Calamus Rotang" gewonnen werden. Hauptverbreitungsgebiet der Pflanze sind die feuchten Tropenwälder Indiens, Indochinas und der Malaiischen Inselwelt.
Dieter Karlstedt teilt das Quartier mit dem Restaurator Matthias Cropp. "Wir kooperieren auch." In der kleinen Werkstatt herrscht großer Betrieb. Pausenlos öffnet und schließt sich die Eingangstür, wandern Möbelstücke hinaus oder herein. Im Dachgeschoss lärmen Hammer und Feile um die Wette. Aus dem Radio dudelt Popmusik. Irgendwo wird geschwatzt. Karlstedt lässt der Wirrwarr kalt. In seinem blau-grauen Arbeitsanzug wirkt der schnäuzbärtige Mann wie ein ruhender Fels - locker, entspannt, mit sich und der Welt im Reinen.
Zum Flechten verwendet er wenige Millimeter breite Streifen. "Keine Fertigware. Ich will meinen guten Ruf nicht ruinieren." Mit traumwandlerischer Sicherheit sausen die dünnen Fäden durch die Finger. Im Schnitt verarztet der Stuhldoktor zehn Patienten pro Woche. Das Gros holt er persönlich von Zuhause ab. "Service ist das A und O." Drei bis sechs Stunden dauern einfache Operationen wie ein Wabengeflecht. Aufwendige Stern- oder Sonnenvarianten verschlingen bis zu 15 Stunden. Rund 25 verschiedene Muster kann Karlstedt fertigen. Einheitliches Merkmal: Die Fäden sind verknotet. "Für Laien ein sicheres Zeichen, dass das Ganze auf traditionelle Weise mit der Hand gemacht wurde." Schwarze Schafe nutzten den schnelleren Kleister-Trick. "Das ist nicht gut, weil das Geflecht nicht mehr nachgeben kann." Nach spätestens fünf Jahren, prophezeit er, spüren Stuhlbesitzer den Unterschied am eigenen Leib - wenn sie nebst kaputter Sitzfläche auf den Hosenboden krachen. "Echte Wertarbeit hält 20 bis 25 Jahre." Der Stuhlflechter hat drei Helfer - Ehefrau Sylvia (40) sowie die Söhne Christian (19) und Martin (14). "Die habe ich angelernt", erzählt der Chef. So, wie er angelernt worden ist. "Mit den Augen." Karlstedt ist Autodidakt. Der gebürtige Thüringer absolvierte eine Ausbildung zum Zimmermann, heuerte nach der Wende beim Philipp-Holzmann-Konzern an.
1991 zeigt ihm ein Stuhlflechter im neuen Wohnort Westernohe, womit er seine Brötchen verdient. Karlstedt fängt Feuer und greift fortan dem Nachbarn unter die Arme. Neun Jahre lang pendelt er zwischen Baustelle und Werkbank. Als der Mentor stirbt, übernimmt Karlstedt dessen Firma. "Ich würde die Entscheidung wieder treffen", sagt er. Der Gedanke, ähnlich unsanft aus dem Traum der Selbstständigkeit gerissen werden zu können wie Handwerkskollegen vor ihm, bereitet Karlstedt keine schlaflosen Nächte. "Was ist heute ohne Risiko? Man muss Vertrauen in das eigene Tun haben."
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